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Wo ist hier der Notausgang?

Die Anthologie unserer Autorin Susanne Speth erschien am 21. April 2020. In dieser Anthologie finden sie ein Sammelsurium an skurrilen Kurztexten, Geschichten, Anekdoten die sich hervorragend eignen um den Tag zu beginnen am Frühstückstisch oder aber als Gute-Nacht-Geschichte. Humor mischt sich in den Kurztexten von Susanne Speth aber auch mit sehr ernsthaften Lebensweisheiten.

Unten finden sie einen Auszug aus Wo ist hier der Notausgang? mit den Geschichten Fremde Musik und Tempo. Das Buch und alle weiteren Informationen finden sie auf unserer Webseite Wo ist hier der Notausgang? 

Fremde Musik
Susanne Speth
 
Vor meiner Arbeit in einem Konzerthaus habe ich geholfen, Ersatzteile für Papiermaschinen zu verkaufen. Das war leicht. Man musste nur kapieren, was eine Muffe ist und wie das auf Englisch und Französisch heißt. Nach der Muffe kam die Mozzarella. Das war schon schwieriger. Denn der Käseklops schmeckte nach Tempotaschentuch. Sehr delikat, nannte man das.
Die Maschinen, groß wie Hochseedampfer, habe ich nie liebgewonnen. Auch prächtige Käselaibe sind mir seltsam fremd geblieben. 
»Es gibt Schlimmeres«, hätte meine Oma gesagt und sie hätte wie immer Recht gehabt.
Dann also die Musik, die heilige. Sie sollte das Überirdische besorgen. Ist sie nicht wortlos erhaben und jedem zugänglich, der guten Willens ist? Diesen hatte ich schon bewiesen. Hatte viele Bücher im Sturm erobert und wusste fast hundertprozentig, dass Johann Sebastian Bach kein berühmter Schriftsteller ist.

Es hat nicht funktioniert.

Beim besten Willen nicht. Was natürlich ein großes Unglück ist, eine besondere Form der angeborenen Gehörlosigkeit vielleicht. So ist mir die alte Musik fremd geblieben und die neue konnte Zuneigung nicht herstellen. Dafür habe ich musikvernarrte Intendanten kennen gelernt und liebenswerte Kollegen gefunden.
»Gar nicht so schlecht«, hätte meine Oma gesagt und sie hätte wie immer Recht gehabt. Oder hätte sie besser Cello für mich spielen sollen?

Tempo
Susanne Speth

Immer diese alten Frauen in der Schlange. Blockieren die Kasse. Mit voller Absicht, möchte man meinen. Schließlich könnten sie auch in der Mittagszeit einkaufen. Oder besser Homeservice. Die gefältelten früheren Damen und Hausfrauen kommen in der modernen Welt sowieso nicht mehr zurecht. Werden alle Nase lang umgemöbelt von Fahrrädern, Scootern und den Super Oversize Dingern. Also daheimbleiben, schön fernsehgucken und auf den Enkeltrick reinfallen. Das war jetzt nicht freundlich. Aber zu mir ist auch keiner nett. Und in zehn Minuten geht die Bahn.
Aber nein, einkaufen um 18 Uhr. Genau dann, wenn die arbeitende Bevölkerung zackzack ihre Sachen erledigt. »Könnten Sie bitte mit dem Kleingeld helfen? Die Augen. Oh, das Wiegen hab‘ ich vergessen, tut mir leid.« Und dann endloses Verkramen von Katzenfutter, Margarine und Hakle feucht in der zerknautschten Tasche. Die Kassiererin ist cool. Gut geschult. Das hier ist Minuten-Akkord. Deshalb wurden die großen Ablagen für den Einkauf extra abgeschafft an den Kassen.  
Alte Männer sehe ich nicht so oft beim Einkaufen. Meistens sind das die Ungewaschenen mit Pfandflaschen. Essen alte Männer nicht mehr? Saufen nur noch? Oder sind das die Ehemänner der Blockade-Frauen? Kriegen das Essen seit 50 Jahren von der Frau hingestellt. Kommt sie nicht zurück, flott erwischt vom E-Bike, fallen sie einfach tot vom Hocker. Dieser Generation ist nicht mehr zu helfen. Meiner müsste mir mal so kommen.
Alte Männer sterben früher. Sie können also gar nicht massenhaft Zonen und Schalter besetzen. Das machen ihre lustigen Witwen. Sie zwingen den Rest der Welt in die Zeitlupe. Wie soll das erst in ein paar Jahren werden? 70 % Alte, 20 % Pfleger querbeet, 10 % unter vierzig. Einfach erschießen geht nicht. Das leuchtet mir ein. Man hat ja Herz et cetera. Aber irgendwas muss sich irgendwer ausdenken. Sonst wird irgendwann die Ungeduld übermächtig, das kann ich Euch sagen.
»Ich glaube, Sie sind dran, junge Frau.« Die Omma hinter mir. Frech. Jürgen hat doch nur kurz gesimst wegen der Chips.


Facetten von Dunkel



Das Buch erschien am 20. April 2020. Es ist die erste Anthologie unseres Baltrum Verlags.
In den zahlreichen Kurzgeschichten und lyrischen Texten geht es um das Dunkel das unser Leben manchmal beschleicht. Doch nicht immer sind die Texte nur Dunkel, sie hinterlassen auch gerne einen Lichtblick.

Unten finden sie eine der Kurzgeschichten aus dem Buch. Viele weitere sind darin, schauen sie dazu gerne auf der Seite des Buches Facetten von Dunkel hier auf unserer Webseite nach.

Das Straßenparfüm

Vy van Deen

Max, 

ich hoffe, dir gefällt das Nichts. Wahrscheinlich ist es aufregender als mein Jetzt. Wir haben deine Nieren gespendet. Der Arzt fand deine Herzklappen richtig toll. Letzte Woche hat mich die Frau des Zugführers angesprochen. Wenn sie tot ist, würde sie dich kurz in der Hölle besuchen und dann absichtlich überfahren.

Apropos Hölle, heute hat mir jemand einen Flyer für die Kirche gegeben. Glaub mir, wie sehr ich versucht habe zu glauben, aber ich kann mir einfach keinen Himmel vorstellen oder eine Hölle – in der du überfahren wirst.

Ob die Bahn im Himmel pünktlich kommt?

Mama hat dem Fahrer einen Geschenkkorb gegeben. Ich weiß nicht, ob sie ihm danken wollte, dass er dir ungewollt beim Mord geholfen hat oder möglicherweise denkt Wein und Schokolade würden sein Trauma lindern. Er lebt zumindest noch, manchmal sehe ich ihn im Supermarkt. Er heißt Markus und fragt ab und zu, wie es mir geht. Ich glaube, wenn du alt geworden wärst, wärst du auch ein Markus geworden.

Die Abiturprüfung für Musik steht bald an. Ich wollte mit deinen Notizen lernen, aber deine Handschrift kann kein Mensch lesen. Beziehungsweise lassen sich deine Notenblätter nicht von Einkaufsstrichlisten unterscheiden. Nicht mal Wissen konntest du mir hinterlassen, nur eine Packung Zigaretten, die ich nicht rauchen kann. Für gewöhnlich bleiben den Zurückgebliebenen Schmuck, Parfüm oder Klamotten von den Geliebten. Ich schleppe jeden Tag diese Marlboro Rot Packung in meinem Rucksack herum, keine Sorge, ich beschwere mich nicht. Wenn ich nachts alleine rumlaufe, riecht es wenigstens nach dir.

In der S-Bahn vergesse ich manchmal, dass du nicht mehr neben mir sitzt. Ich fange an, fremde Menschen nach Taschentüchern zu fragen, wenn ich wieder Nasenbluten bekomme. Jetzt muss ich mich selbst erinnern, welche mitzunehmen. Fühlt sich so das Erwachsen werden an?

Ich hatte nie Angst vor der Zukunft, weil ich wusste, dass du sie zuerst leben würdest und ich dir einfach folgen könnte, aber jetzt muss ich allein zum Zahnarzt und ins Kino gehe ich selten. Wenn doch, lasse ich immer etwas Popcorn übrig, um es für dich mit nachhause zu nehmen. Kannst du dir vorstellen, wie groß die Freude ist, am nächsten Tag noch restliches Popcorn für sich allein zu haben?

Ich vermisse dich trotzdem.

Ich brauche jemanden, der mir sagt, dass meine Witze zu weit gehen und mich aus dem Bett schubst, damit ich meine Hausaufgaben mache. Mama hat die Rolle zwar übernommen, aber es ist nicht dasselbe. Sie fragt sich warum. Warum mit dem Zug und warum überhaupt. Ich habe aufgehört zu fragen, nachdem wir deinen Grabstein ausgesucht haben. Der Verkäufer hat mich ignoriert, als ich meinte, dass du nur den Buchstaben M auf deinem willst. Maximilian sähe eleganter aus. Jetzt steht da Maximilian Maurer. Sieht bescheuert aus, deswegen kaufe ich immer große Blumen, damit die Buchstaben verdeckt sind. Gern geschehen!

Das Leben ohne dich ist nicht schlecht, aber mit dir würde es auch nicht schlechter werden. Conni hat einen neuen Freund. Nicht, dass es dich interessiert, aber wenn ich mir schon die Mühe mache diesen unnötigen Brief zu schreiben, dann will ich dir nichts vorenthalten. Ich will nicht sagen, dass er besser aussieht als du, aber hässlich ist er nicht. Papa trägt jetzt plötzlich Bart und Mama Lippenstifte mit komischen Farben. Steht beiden nicht.

Ich habe mir auch ein paar neue Sachen besorgt, nicht für einen Tapetenwechsel oder um ein neues Kapitel in meinem Leben zu beginnen. Ich bin nur etwas fett geworden. Weißt du, als du mir am Telefon gesagt hast, dass du Hustenbonbons besorgst, habe ich darauf vertraut. Und als du gesagt hast, dass du jetzt auflegen musst, weil deine Bahn gleich kommt, habe ich gedacht, dass du auflegen musst, weil deine Bahn gleich kommt und nicht, weil deine Bahn gleich kommt. Ich habe immer noch Husten und mir ist immer noch schlecht. Das geht irgendwann weg. Du auch. Der Gedanke an dich. Gern geschehen.

Brief schreiben ist schwerer als gedacht. Ich bin dir nicht mehr böse, dass du keinen für mich geschrieben hast. Ich hasse dich trotzdem, Maximilian Maurer. Ich wünschte, ich wäre ein Markus. Verständnisvoll, akzeptierend, irgendwie glücklich. Ich bin verdammt unglücklich und will egoistisch sein und sagen, dass du wenigstens noch länger hättest bleiben können, weil ich noch da war, aber das darf ich nicht, weil alle sagen: „Sei glücklich Leo, jetzt ist er frei“. Ja, du bist frei, Max. Glückwunsch! Ich freue mich, wirklich!

Mama will den Brief noch lesen, bevor wir ihn symbolisch ins Nichts schicken. Soll er ausgestellt werden? Sollen Menschen analysieren, wie gut es mir geht?

Egal, du warst ja immer so pingelig mit Worten. Warum hast du sie so ernst genommen? Alle. Ich werde keine Briefmarke kaufen. Ich werde ihn auch nicht in den Briefkasten werfen oder als Flaschenpost in die Rummelsburger Bucht. Symbolik war nie meins. Tu mir wenigstens einen Gefallen und melde dich. Mach nachts Geräusche, wenn ich nicht schlafen kann oder sitze in meinem Ohr, wenn ich wieder meine Kopfhörer vergessen habe. Mein Zug kommt gleich, ich werde aufhören zu schreiben.